NORBERT WOLLSCHLÄGER

         IN DER HITZE DES KALTEN KRIEGES

              ROMAN

         

 TEXTAUSZUG                 Verdeckte Operation im Morgengrauen      

Früher Morgen in der Druckerei eines West-Berliner Zeitungsverlages. Durch die Halle schrillt ein kurzer, scharfer Pfiff. An der Rotationsdruckmaschine ist eine neue Papierbahn eingezogen worden. Die beiden Zylinder beginnen zu rotieren, werden schneller und schneller, immer lauter, um kurz darauf ihre höchste Umdrehungszahl zu erreichen. Lange Bahnen dünnen Zeitungspapiers jagen über die Rollen und saugen sich auf der Druckerplatte satt mit schwarzer Schrift. Noch eine halbe Stunde, dann ist die gesamte Auflage des Telegraf gedruckt. Fünfhunderttausend Exemplare stehen in Stapeln verpackt zur Verteilung auf das Stadtgebiet bereit. Der heutige Aufmacher von Westberlins auflagenstärkster Tageszeitung:

 

TAUSEND FLÜCHTLINGE AN EINEM TAG

SED-Terror trieb sie nach Berlin – Aufnahmelager überfüllt

 

Kurt Scholz hastet über den Innenhof des Verlagsgebäudes zu seinem Lieferwagen, öffnet die Tür und reicht dem Beifahrer ein druckfrisches Exemplar des Telegraf hinein. Er geht um den Wagen herum, klopft zweimal an die Verschalung der Ladefläche und nimmt hinter dem Lenkrad Platz. »Ist hinten alles drin?« fragt er seinen Nachbarn, den im Betrieb alle nur den Major nennen. »Die heutige Ausgabe, die Möwe, unsere Liebesbriefe und die beiden neuen?« Scholz erhält jedes Mal ein Nicken als Antwort. »Wie letzte Woche, oder?«  Ohne die Antwort seines Begleiters abzuwarten, startet er den lautstarken Motor und steuert mit noch etwas schläfrigem Blick den Kleinlaster vom Hof, der eine blaue Abgasfahne zottelnd hinter sich her zieht

 

»Zum Wedding. Zur Heidestraße«, kommt die militärisch knappe Antwort vom  Beifahrersitz, als der Zeitungslieferwagen Fahrt aufnimmt in Richtung Funkturm. Sternenklarer Himmel über Berlin am Ende einer Nacht, die der Stadt nur wenig Abkühlung gebracht hat. Die menschenleere Straße verlockt Scholz, das Gaspedal durchzudrücken. Der dreizehn Jahre alte Motor heult gequält auf, unsicher ob ihm das geforderte Tempo gelingt. Trotz seines Alters beschleunigt der Wagen noch immer spürbar. Der Major wirft Scholz einen kurzen Blick zu, halb anerkennend, halb skeptisch. Von hinten, aus dem Laderaum des DKW, melden sich die zwei anderen Mitfahrer. Der jüngere, ein aus Ostberlin geflüchteter Student, Mitglied einer antikommunistischen Gruppe an der Westberliner Freien Universität. Der andere war bis Kriegsende Fallschirmwart bei der Luftwaffe der Wehrmacht, seit seiner Entlassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft mehrfach in verdeckten Operationen westdeutscher Gruppen tätig. Die beiden hocken auf der Ladefläche, eingezwängt zwischen Zeitungsstapeln, einer zehn Liter Gasflasche Helium, allerlei Schnüren und einem gummierten Ballen dünnes Segeltuch. Ihnen sei sehr heiß hinten, ob man nicht mal die Fenster öffnen könne? Wortlos werden vorne beide Seitenscheiben runtergekurbelt. Kräftiger Fahrtwind strömt ins Wageninnere.

 

Kurt Scholz weiß, was sie hier tun, kann gefährlich werden. Sehr gefährlich. Der anderen Seite sind sie ein Dorn im Auge. Die von drüben  unternehmen alles, um uns auszuschalten, denkt er. Sind nicht zimperlich dabei. An manchen Tagen, vor allem vor und nach Aktionen wie der heutigen, neigt er dazu, sich ständig umzudrehen, ohne Grund, nur um sicher zu gehen, nicht verfolgt zu werden. Dass bei ihrer Zeitungstour heute wieder ein Student der Freien Universität mit dabei ist, beunruhigt ihn etwas. Er muss tief Luft holen und denkt an Friedrich Prautsch, den 23jährigen Hochschüler, der in der Sowjetischen Besatzungszone Flugblätter verteilt hat und antikommunistische Parolen an Häuser malte. Der saß auch einmal hinten in seinem DKW. Ein recht fixer Junge, erinnert er sich, vielleicht zu fix. Friedrich wurde bei einer heimlichen Zusammenkunft mit Ost-Berliner Studenten  verhaftet, der sowjetischen Besatzungsmacht überstellt, von einem Militärtribunal zum Tode verurteilt und im März in Moskau hingerichtet. Jedenfalls stand es so im Telegraf.  Als wolle Scholz sich Mut zureden, spricht er leise vor hin, „Wird schon gut gehen“ und biegt rechts in den Kaiserdamm ein. „Na, wir wollen es hoffen“ ergänzt der Major. In einem Tonfall, als sei er eher vom Gegenteil überzeugt, fügt er hinzu “Das warme Wetter macht mir Sorgen. Die Möwe mag das nicht.“ Soldatischer Patriotismus klang früher anders, sagt sich Scholz und drückt das Gaspedal tief durch.

© Ernst Hahn, edition Friedenauer Brücke/SIGNALBERG GmbH

Die frühmorgendliche Fahrt im klapprigen Lieferwagen bis zur Siegessäule, ist für Scholz jedes Mal Höhepunkt seines Arbeitstages. Hier zeigt er, was in dem frontbewährten Kleinlaster noch steckt. Wann sonst kann man mit unvermindert hoher Geschwindigkeit die jetzt menschenleere und autofreie sechsspurige Ost-West-Achse hinunterjagen, auf der in den letzten Kriegstagen selbst Flugzeuge landeten. Parallel zur Fahrbahn reihen sich Hunderte zweiarmiger, wuchtiger Laternen. Ihr zur Seite strahlendes Licht ähnelt bei schnellem Vorbeifahren flackerndem Fackelschein und spiegelt sich in hastiger Folge als kurze diffuse Blitze  auf der Front- und den Seitenscheiben des DKW. Die Nadel des Tachometers erreicht die achtzig Stundenkilometer-Marke. Scholz spürt den skeptischen Seitenblick seines Beifahrers, der ihm wortlos zu verstehen gibt, dass er diese Raserei nicht mag. Er beschließt, die restliche Strecke in zivilerem Tempo zu fahren.                             ENDE DES TEXTAUSZUGES