4                NORBERT WOLLSCHLÄGER

 JULI              IN DER HITZE DES KALTEN KRIEGES

 Freitag                 ROMAN
  1952              

TEXTAUSZUG        Irmchen heute mal ganz verwegen                

           

Die Küchenuhr zeigt Viertel vor Sieben. Fast wäre die Milch übergekocht. Irmgard zieht hastig die Kasserolle vom Gasherd, gießt die heiße Milch in den Becher mit dem Kakaopulver und schaut gespannt zu, wie sich die weiße Flüssigkeit mit dem dunkelbraunen Pulver vermengt und an der Oberfläche blubbernd kleine Blasen platzen. Sie fügt einen Teelöffel Zucker hinzu, noch einen zweiten, rührt mehrmals um, setzt zum Trinken an, pustet vorsichtshalber, nippt am Becher und stellt ihn erst einmal wieder auf den Küchentisch vor sich hin. Noch zu heiß. Bei dem warmen Wetter heute wäre kalte Milch besser gewesen. Wie jeden Freitag hat Irmgards Mutter ihr schon alles für das Frühstück hergerichtet und wie immer am Freitag muss Irmgard alleine frühstücken. Ihre Mutter hat vor zwei Monaten die Stelle als Putzfrau gekündigt. Mit dem wenigen Verdienst von 1,05 DM pro Stunde, kann sie gerade die Miete bezahlen für die 1 ½ - Zimmer-Wohnung im Hinterhaus und ihre bescheidenen Lebenshaltungskosten. Mehr ist nicht drin. Noch nie sind sie gemeinsam verreist. Jetzt hat sich Irmgards Mutter selbständig gemacht und betreibt eine Laufmaschen-Annahmestelle, den kleinen Kiosk auf dem geräumten Ruinengrundstück Presselstraße Ecke Mariendorfer Damm. Ihre ganzen Ersparnisse hat sie dafür verwendet und Irmgards Tante hat ihr auch noch etwas Geld geliehen. Das Geschäft geht ganz gut, sagt die Mutter. Insbesondere vor dem Wochenende. Freitags früh kommen besonders viele Kundinnen, manchmal gleich mit zwei oder drei Paar Strümpfen zum Reparieren. Dann muss sie immer ganz früh in ihrem Kiosk sein. Neue Nylonstrümpfe kosten noch immer ein Vermögen. Gut zehn Mark. Da lohnt es allemal, sie zum Ausbessern zu bringen. Irmgards Mutter repariert sie, für acht Pfennig die Masche. Wenn alles weiter gut läuft, hofft Irmgard, kann sie mit ihrer Mutter vielleicht  im nächsten Sommer eine Woche verreisen.

 

Irmgard streicht Margarine auf eine Scheibe Schwarzbrot, schneidet die Stulle in der Mitte durch und schmiert auf eine Hälfte Velveta Käse, Apfelmus auf die andere. Die Aussicht auf sechs Wochen ohne Schule stimmt sie richtig froh. Ab morgen jeden Tag ausschlafen. Keine Klassenarbeiten. Keine Schularbeiten. Sechs Monate, träumt sie, müssten die Ferien dauern und  das zweimal im Jahr. Sie kaut am letzten Bissen ihrer Stulle, stellt den Teller und den leeren Becher Kakao zu dem anderen schmutzigen Geschirr, wischt mit einem Lappen über den Küchentisch und steckt den kleinen Zettel ein, den ihre Mutter ihr wieder dagelassen hat zur Erinnerung, was alles im Haushalt zu erledigen und zu besorgen ist. Abwaschen wird sie nach der Schule. Dafür reicht die Zeit nicht mehr. Schnell noch Zähneputzen und dann ab wie nichts.

 

Sie zwängt sich in die handtuchschmale Kammer, die noch kleiner ist ihr halbes Zimmer und mehr einem engen Hinterhausklo ähnelt als einem Badezimmer. WC, Waschbecken, Spiegel, kleines Regal, Wäschetrockner an der Wand, schmales Fenster zum Hof. Irmgard streicht das neue, rot-weiß karierte Trägerkleid zurecht, das ihre Tante ihr genäht hat, wirft einen Blick in den Spiegel, dreht ihren Kopf mehrmals nach rechts und nach links und lächelt sich selbst zu. Tatsächlich, sie hat eine Stupsnase¸ etwas kurz und ein klein wenig nach Oben gebogen. Karin, ihre beste Freundin, sagt, damit sähe sie richtig pfiffig aus. Der Mann auf dem Hochzeitsfoto ihrer Mutter, das auf der Kommode im großen Zimmer steht, hat eine ganz ähnliche Nase und lacht auch so verschmitzt. Ihren Vater kennt sie nicht. Sie kennt nur dieses Foto von ihm. Als er 1942 zur Wehrmacht eingezogen wurde und an die Front musste, war sie gerade ein Jahr alt. Seitdem ist er verschollen. Wie über eine Million anderer deutscher Soldaten auch, sagt ihre Mutter. Ob er noch lebt und einmal wiederkommt? Darauf weiß Irmgard keine Antwort. Ihre Mutter auch nicht.

 

Diese langen Haare sind doch wirklich zu blöd, ärgert sich Irmgard. Jeden Morgen dieses ganze Trallala mit dem Waschen, Kämmen, Legen und Flechten. Nur weil Mutter sie so gerne mit Zöpfen sieht, darf sie ihre Haare nicht abschneiden. Wenn Irmgard rennt flattern ihr die Zöpfe um die Ohren. Wenn sie die Zöpfe zu Schlaufen steckt, sieht sie aus wie Dumbo der fliegende Elefant in dem Zeichentrickfilm. Und wenn Mutter ihr einen Haarknoten flicht, ähnelt sie der Hauswartsfrau von gegenüber mit ihrem Dutt. Mutter sieht es zum Glück ja nicht, dann bin ich heute mal ganz verwegen, beschließt sie. Pferdeschwanz ist angesagt. Irmgard nimmt einen breiten Haargummi, dehnt ihn zur großen Schlaufe und zieht ihre dichten blonden Haare hindurch. Von ihren Klassenkameradinnen wird keine auf die Idee kommen, hinten dran zu ziehen. Jungens, die das gerne mal tun und das dann auch noch sehr spaßig finden, haben sie nicht. In ihrer Klasse sind nur Mädchen. Gott sei Dank.

 

Klängelöngelöng. Im Hof bimmelt eine Fahrradglocke  mit Doppelklang  und drängt zur Eile. Klängelöngelöng. Typisch Karin, pünktlich wie immer, denkt Irmgard, sie wird  sich beim Bimmeln noch mal ihren Daumen brechen. "Irrrrmcheeen!" tönt es von unten. "Komme schon!" ruft sie, schnallt sich ihren abgewetzten Schulranzen um, schließt die Wohnungstür ab, läuft die zwei Treppen nach unten, über den Hinterhof an den Müllkästen und der Teppichklopfstange vorbei, durch den Torbogen zum Vorderhaus hinaus auf die Straße.

ENDE DES TEXTAUSZUGES                                                                                                                       

 

    „Die  Kindheit  ist, wie   wir  alle  wissen, der  Getreidespeicher,  von  dem

    ein Schriftsteller, wenn er erwachsen ist, sein Brot bäckt.Von dem Tag an,

    an  dem  ein Schriftsteller  aufhört, dem  Kind in sich zuzuhören, gehört er

    dem Feind.“

      David John Moore Cornwell alias John Le Carré

              Rede anlässlich der Entgegennahme des Goethe Preises 2011