5               NORBERT WOLLSCHLÄGER

 JULI             IN DER HITZE DES KALTEN KRIEGES

Samstag         ROMAN

  1952            

TEXTAUSZUG             Der Regierende

                         

An der Tür des großzügigen Einfamilienhauses im wohlhabenden West-Berliner Ortsteil Zehlendorf klingelt es. "Edzard, kannst du bitte mal aufmachen. Das wird schon Holly sein. Vater ist noch im Garten“, ruft die Mutter des 24jährigen Jurastudenten. Er studiert jetzt an der Freien Universität in West-Berlin, wohnt bei seinen Eltern und genießt die wenigen Momente, in denen er seinen Vater einmal zu Gesicht bekommt. Edzard öffnet die Haustür. Vor ihm steht, im zweireihigen Anzug und Schirmmütze in der Hand, der Chauffeur seines Vaters. "Guten Tag, Herr Reuter, würden Sie bitte ihrem Herrn Vater sagen, dass der Wagen da ist.“ Edzards Mutter kommt in den Flur gelaufen, schiebt ihren Sohn sanft zur Seite und begrüßt den Fahrer. "Wollen Sie nicht einen Moment reinkommen, Herr Holly, mein Mann ist gleich fertig.“  

"Vielen Dank, gnädige Frau, ich warte doch lieber draußen am Wagen.“ Georg Holly geht einen halben Schritt  von der Tür zurück und lächelt der kleinen, resoluten Frau verlegen zu. "Vielleicht können sie mir ja schon mal die Aktentasche des Herrn Bürgermeisters geben, Frau Reuter."

"Edzard, holst du bitte mal Vaters Tasche, sie steht neben seinem Schreibtisch, und bringst sie uns bitte her", ruft Hanna Reuter ins Haus hinein.

"Na, Holly, da haben unsere sowjetzonalen Freunde sich gestern Nacht an der Zonengrenze ja wieder ein besonderes Bubenstück ausgedacht."

"Das kennen wir inzwischen, Frau Reuter. Ist doch nicht das erste Mal gewesen, dass die Kommunisten ihrem Gatten die Fahrt durch die Ostzone verweigern", antwortet der Chauffeur mit einem Gesicht geübter Gleichgültigkeit. Er zuckt mit den Achseln, als würden ihm solche Vorfälle nichts mehr ausmachen.

"Nun tun Sie mal nicht so, Holly, Sie wissen genau, dass diese ostzonalen Halunken es auf meinen Mann abgesehen haben. Wer weiß, wozu die drüben noch alles fähig sind."

 

Eine sonore Männerstimme aus dem Hintergrund unterbricht das Gespräch der beiden. "Lass mal gut sein, Hanna. Und Sie, Holly, gehen am besten schon zum Wagen, statt sich von meiner Frau Räuberpistolen anzuhören." Mit langsamen, aber sehr entschlossenen Bewegungen tritt ein stattlicher, älterer Herr im Anzug, weißem Hemd und Krawatte, den derben Stock in der Hand, aus der Diele und geht auf die beiden zu. Ernst Reuters Augen blitzen verschmitzt, als er seiner Frau gespielt selbstlos anbietet, sich doch einen schönen Nachmittag zu machen, was auch er viel lieber täte, aber leider wieder nicht die Zeit dafür hat. Wenige, eher belanglose Worte, scherzhaft gemeint, die aus seinem Mund aber wie sorgfältig gewählt wirken. Hanna Reuter weiß, dass ihr Mann zuviel arbeitet. Er weiß es auch, aber ohne es ihr gegenüber zuzugeben. Reuter gibt seinem Fahrer mit einem kurzen Blick aus den Augenwinkeln zu erkennen, dass es Zeit ist, ins Rathaus zu fahren. Mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange verabschiedet sich Ernst Reuter von seiner Frau, läuft, den kräftigen Körper leicht auf den Gehstock gestützt, flink den Gartenweg hinunter und winkt ihr unten von der Straße noch einmal zu. Sie sieht ihrem Mann hinterher, wie er sich sein Jackett auszieht, im Fond des Dienstwagens Platz nimmt, der Chauffeur ihm seine Aktentasche und die Spätausgabe der Zeitung hineinreicht, wie der schwarze Mercedes losfährt und rasch Tempo aufnimmt.

Holly fährt den Regierenden jetzt seit eineinhalb Jahren und ist froh, für diesen mutigen und besonnenen Mann arbeiten zu dürfen. Keine Primadonna wie manch andere Politiker, die er schon gefahren hat, nie ausfallend, nie eine Szene, falls er sich mal verfährt, immer gleichmäßig ruhig. Wenn er abends mal länger auf ihn warten muss, was häufig genug vorkommt, erhält er als Dank von seinem Chef eine seiner guten Zigarren. Bis zum Rathaus Schöneberg, dem Amtssitz des Regierenden Bürgermeisters im Westteil der Stadt, sind es zehn Kilometer zu fahren, zwanzig Minuten, in denen Reuter und sein Fahrer so gut wie kaum miteinander reden. Georg Holly schaut in den Rückspiegel. Ernst Reuter sitzt, hinter seiner Zeitung vertieft, auf der Rückbank des Sechszylinder-Pkws. „Nehmen Sie es bloß nicht persönlich, Holly, wenn ich die ganze Zeit über stumm hinter Ihnen sitze. Aber die Fahrt ins Büro ist der einzige Moment am Tag, an dem mich niemand stören kann“, eine Absprache, die auch ganz spontan oder auf längeren Fahrten nach Westdeutschland von Reuter selbst außer Kraft gesetzt wird. Dann entsteht zwischen Rückbank und Fahrersitz durchaus ein lebhaftes Gespräch, das sich meist mit deutlichem Räuspern und verstärktem Rascheln von Zeitungsseiten oder Aktendeckeln ankündigt und mit der Frage eröffnet wird „Sie sind doch auch Sozialdemokrat, Holly, was halten Sie denn davon?“

 

Der Dienstwagen passiert das Rathaus Steglitz, der Verkehr wird dichter. Menschenmassen hasten auf Bürgersteigen von Geschäft zu Geschäft, um dem näher rückenden Ladenschluss zu entwischen. Holly hofft, nicht dabei ertappt zu werden, wie er mehrmals in den Rückspiegel nach seinem Chef schaut. Reuters breite, sanft gerundete Stirn, die noch dichten Haare glatt nach hinten gekämmt, auffallend große, wunderbar Zuhören könnende Ohren, eine markante Nase, die sein Gesicht leicht aus der Symmetrie rückt und ihm etwas anhaltend Jungenhaftes verleiht. Ein entschlossenes Kinn, selbstbewusste Lippen und ein äußerst wortgewandter Mund, der auch im Alter noch eine gewisse Wärme ausstrahlt. Da sitzt er nun im Fonds der Limousine, jemand der in Jahrzehnten allen Stürmen getrotzt hat und bei dem man sich gut aufgehoben fühlt. Aber so wie heute hat Holly den Bürgermeister nie erlebt. In Reuters Gesicht herrscht wortloser Aufruhr. Die sonst so wachsamen und ausdruckstarken Augen wirken zwischen seinen leicht geschwollenen Augenlidern wie eingeklemmt und scheinen sich unter den buschigen Augenbrauen wegducken zu wollen. Die Strapazen der letzten Monate stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Reuter fühlt sich unbeobachtet, als der Fahrer erneut in den Rückspiegel schaut und bemerkt, wie sehr sich sein Chef anstrengen muss, damit ihm der stets abwägende und immer freundliche Blick nicht vor Müdigkeit entgleitet. „Holly! Schauen Sie gefälligst nach vorne auf die Straße. Hier hinten gibt es überhaupt nichts zu sehen!“ weist der Bürgermeister den Chauffeur scherzhaft zurecht, als sich ihre beider Augen im Rückspiegel treffen.

ENDE DES TEXTAUSZUGS