7              NORBERT WOLLSCHLÄGER

 JULI                IN DER HITZE DES KALTEN KRIEGES

Montag             ROMAN

  1952            

TEXTAUSZUG              U235 im Westberliner Untergrund

 

Freunde im Westen raten ihm, sich auf offiziellem Briefbogen selbst eine Bescheinigung auszustellen zu einem unaufschiebbaren Besuch beim Ostberliner Ministerium für Hüttenwesen und Erzbergbau. Mit Stempel und Unterschrift: unleserlich. Seit dem Anschwellen des Flüchtlingsstroms durchkämmen sowjetzonale Transportpolizisten rund um die Uhr sämtliche Züge aus der DDR nach Ostberlin auf Fluchtverdächtige; vor amtlichen Briefbögen haben die misstrauischen Schnüffler in ihren blau-grauen Uniformen aber Respekt. Bisher kommt er überall unkontrolliert durch. Am Ostbahnhof in Berlin steigt Herbert Geißler,  Stellvertretender Leiter der Personalabteilung der WISMUT AG in Chemnitz, in die S-Bahn und fährt zwei Stationen in Richtung Sektorengrenze. Er reist ohne Gepäck, unauffällig gekleidet, leichter Anzug fürs Büro, eine etwas altmodische Aktentasche, deren abgewetzten Griff er instinktiv fester umklammert, wenn ein Uniformierter durch das Abteil geht oder beim Halt auf dem Bahnhof von draußen in den Waggon schaut.

 

Am S-Bahnhof Alexanderplatz verlässt er den Zug und umgeht im Zickzack entlang der Sektorengrenze die seit kurzem verschärften Kontrollen am Bahnhof Friedrichstraße. Mit schnellen Schritten nimmt er die Treppe vom S-Bahnsteig hinunter auf den Bahnhofsvorplatz, läuft einige Meter unter wolkenlos blauem Sommerhimmel, steigt tief hinab in das feucht dunkle, schummrig beleuchtete Netz der Berliner U-Bahn und wechselt in die Linie A II, sieben Stationen unter der Sektorengrenze am Potsdamer Platz hindurch und ein weiteres Dutzend Stationen unter den Straßen West-Berlins. Er hat den Stadtplan von Berlin und die Netzpläne der S- und U-Bahnen im Kopf, kennt alle Stationen bis zu seinem Ziel auswendig und atmet unwillkürlich auf, als der Zug irgendwo im Tunnel, zehn Meter unter der Straße, unmerklich und mühelos die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin überwindet, mit einem Einzelfahrschein für 25 Pfennig.

Blick vom Potsdamer Platz, 1952 (Bundesarchiv, Bild 183-14409-0007)

 

An der Endstation U-Bahnhof Krumme Lanke steigt er aus und mischt sich auf dem Bahnsteig in einen munteren Schwarm sommerlich gekleideter Fahrgäste. Es sind Familien auf dem Weg zu den Stränden an der Havel und den Westberliner Waldseen, bepackt mit Körben und schweren Taschen, bis obenan gefüllt mit Picknick und Getränken, mit Decken, Buddelsachen, Schwimmreifen und einem großen, knallig aufgepumpten alten LKW-Schlauch. Er läuft an der vergnügten Menge vorbei, die Treppe hoch, durch den Ausgang ins Freie. Eine ruhige Villengegend mit viel Grün und großen, diskreten Gärten empfängt ihn. Herbert Geißler ist jetzt in Westberlin und in Sommerlaune. Als dicht vor ihm ein Mann läuft, dessen Aussehen so gar nicht in das bunte Bild der Strandausflügler passt, erschreckt er. Ein Norwegerpullover im Sommer! Geißler verlangsamt seinen Schritt und weicht dem Fremden aus. Um nicht die Straße mit ihm gemeinsam zu überqueren, bleibt er stehen und sieht dem Mann nach. Er würde sich nicht wundern, wenn der Norwegerpullover in dieselbe Richtung geht, die auch er einschlagen muss.

 

Sobald die Mütter ihre kleinen und großen Kinder alle wieder beisammen haben und an ihm vorbeiziehen, schließt er sich ihnen an und erreicht, verdeckt im Schutz der quirligen Strandbadgruppe, die andere Straßenseite. Der Mann mit dem Norwegerpullover ist jetzt außer Sicht, vielleicht in eine Nebenstraße abgebogen, aber aus seinem Kopf ist er noch nicht verschwunden. Der Weg vorbei am Waldkrankenhaus führt Geißler durch ruhige, von eleganten Landhäusern gesäumte Seitenstraßen, die große Namen der deutschen Geistesgeschichte tragen. Schiller, Goethe, Kleist. Eine sehr feine Gegend ist das hier, denkt er, im Krieg alles  unzerstört geblieben. Eine Villa schöner als das andere, hier würde er auch gerne wohnen. Nächste Straße links, dann das erste Haus an der Ecke Klopstockstraße, das muss es sein. Die Adresse findet sich in dem Brief, den er kürzlich erhalten hat, zusammen mit der Einladung, nach West-Berlin zu kommen, in die Limastraße 29, im amerikanischen Sektor. Man könne ihm helfen, sich zu wehren gegen Dinge, die man von ihm in Saalfeld verlangt. Der Brief ist adressiert an seine Privatanschrift und ohne Absender.

 

Ihm ist als würde er schrumpfen. Alles um ihn herum erscheint groß, er selbst so klein. Geißler fühlt sich gering und unbedeutend, als er vor dem dreistöckigen, englischen Landhaus steht, mit einem hohen wuchtigen Giebeldach, vergitterten Fenstern im Erdgeschoss und einem kleineren Seiten-flügel, der bis dicht an die Straße reicht. Die trutzige Natursteinmauer, auf der eine stählerne, weiss gestrichene Umzäunung thront, gestattet nur einen vergitterten Blick auf das Anwesen. Er zögert, geht zur Kreuzung zurück, wartet und versucht sich zu orientieren. Das riesige Eckgrundstück ist ein sonderbares Reich für sich und scheint sich der Umgebung zu entziehen. Geißler steht am Gartentor und holt noch einmal tief Luft. Der Zugang auf das Grundstück, eine enge, in die  Natursteinwand eingelassene Lücke, erinnert ihn an die Pforte zur Unterwelt. Er ahnt, was immer hinter den sehr stabilen Gitterstäben des Gartentores ablaufen mag, jemand hat ein großes Interesse daran, es vor fremden Blicken zu schützen und unerwünschte Besucher fernzuhalten.

 

Auf dem Klingelbrett aus Edelstahl stehen zwei Namen. Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen (UFJ) und PRIVAT. Geißler drückt einmal kurz auf den ersten Klingelknopf und wartet. Nichts. Er klingelt nochmals. Scharfes Gebell eines blutrünstigen, fünfzigköpfigen Hundes hätte ihn jetzt nicht gewundert. Stattdessen immer noch nichts. Gerade will er ein drittes Mal den Klingelknopf drücken, als der Türöffner schnarrt. Geißler stößt das Gartentor auf, betritt das Grundstück, läuft über einen langen, mit Natursteinen belegten Gartenweg und eine kleine Steintreppe hinauf bis zur Haustür, die sich gerade öffnet. Vor ihm steht ein freundlich dreinblickender Herr mittleren Alters, ohne Jackett, mit Krawatte und weißem Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. „Bitte kommen Sie rasch herein.“ Herbert Geißler macht einen Schritt in die geräumige Diele und sieht sich um. Die Haustür wird hastig geschlossen. Sein Blick fällt auf ein großes Plakat im Eingangsbereich: VORSICHT BEI GESPRÄCHEN !
ENDE DES TEXTAUSZUGES